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Im Land der ewig Unzufriedenen

Den Slowaken geht es bessern als ihren Nachbarn im Süden und im Osten. Warum fühlen sie sich dennoch immer benachteiligt?

Mitte Juli 2006 fuhr ich wieder einmal mit dem Auto quer durch die Slowakei um es vielleicht endlich zu fassen: Warum gehöre ich zur unzufriedensten Nation Europas? Ich begann in meinem Wohnort, in der Hauptstadt Bratislava, die in Mitteleuropa als besonders günstig gilt und von Deutschen jetzt gerne Gratislava genannt wird. Die historische Metropole ist in den letzten drei-vier Jahren zum Wochenende-Paradies für die englische Arbeiterklasse geworden, denn es ist billiger, hierher zu fliegen und sich hier zu besaufen als in der Beiz um die Ecke in Manchester oder Birmingham.

Ich verliess die Industriequartiere im Westen des Landes, die von den ausländischen Investoren gebaut wurden und fuhr den grossen Fluss Vah entlang. Überall sah ich, dass mit einem Einheitssteuersatz von 19 Prozent der Wirtschaftsstandort Slowakei für die internationalen Konzerne wirklich interessant wurde. Die Autoindustrie erlebt mit den neuen Fabriken von Volkswagen, Peugeot-Citroën und Hyundai-Kia einen Boom und verhilft dem Staat zu einem Wachstumsschub.

Bald öffnete sich vor meinen Augen eine alpine Landschaft mit Niederer und Hoher Tatra, doch ich wollte noch weiter, ich suchte den Slowakischen Karst, wo man noch nahezu unberührte Natur finden kann. Die Slowakei ist das Land mit der höchsten Pro-Kopf-Anzahl an Burgen in der Welt. Auch viele Schweizer kommen gerne heutzutage, um kleine barocke Jagdschlösser zu kaufen.

In den folgenden Tagen besuchte ich die reizvollen Kleinstädte Bardejov und Medzilaborce im Osten, die von Touristen noch kaum entdeckt wurden. Ich blieb kurz in Levoca im Norden, einer Stadt mit kosmopolitischer Kaffeehausatmosphäre und einer hervorragend erhaltenen Altstadt. Aus diesem Ort stammte mein Grossvater, der zur Minderheit der Zipser gehörte, einer heute fast vergessen deutschsprachigen Volksgruppe.

Durch die Tiefebene im Süden, entlang der ungarischen Grenze, fuhr ich zurück nach Bratislava. Schon mehrmals hatte ich diese kleine Runde durch die Slowakei gedreht, immer auf der Suche nach neuen Perspektiven des chaotischen Lebens im Transformationsprozess. Das ist ein Land der Supermodels wie Adriana Sklenarikova, Linda Nyvltova oder Denisa Dvoncova und das Land der Weltherrschaft im Eishockey. Den Bewohnern geht es wirtschaftlich besser als den Polen, Litauern oder Esten. Warum fühlen sich die Leute hier aber viel schlechter?

Die Slowaken sind wirklich die unzufriedenste Nation des alten Kontinents. Diese Stimmungslage drückt sich in einer aktuellen Umfrage der Europäischen Union aus. Noch unzufriedener als die Slowaken sind nur die Bewohner der Ukraine, die aber nicht zur EU gehört. Die ökonomischen Reformen, eine der grössten Herausforderungen der europäischen Politik seit Jahrzehnten, schlagen sich nicht auf das Bewusstsein der Slowaken nieder: Die Mehrheit der Einwohner denkt, die Neuerungen haben keinerlei Veränderungen bewirkt.

Noch vor zehn Jahren schien es, als ob der Slowakei das gleiche Schicksal wie Weissrussland ereilen würde: Im Sumpf der Diktatur zu versinken. Seit 2002 hat sich meine Heimat aber zu Recht international den Ruf einer sehr produktiven Reformwerkstatt erworben. Die westlichen Medien übertrafen sich mit ihren Lobeshymnen an das kleine Land zwischen Donau und Karpaten, auch wenn sie zuvor nur selten realisiert hatten, dass die Slowakei unabhängig von der Tschechischen Republik ist und die Hauptstadt des Landes nicht Prag, sondern Bratislava heisst.

Doch im eigenen Land nahm die Kritik am harten Reformkurs der Regierung von Mikulas Dzurinda zu. Die Slowakei hat im EU-Vergleich mit 21 Prozent die höchste Armutsrate. Der neue Premier Robert Fico, Parteichef von SMER - Socialna demokracia (RICHTUNG - Sozialdemokratie) meint, dass die Slowakei "Versuchskaninchen in einem neoliberalen Experiment" gewesen sei und die Reformen zur zunehmenden Spaltung der Gesellschaft geführt habe - in Reiche, denen alle Chancen offen standen, und Arme ohne Perspektive.

Die "sanfte Revolution" führte 1989 die Slowakei zur Demokratie und schliesslich am 1. Mai 2004 zurück nach Europa. Für die slowakische Bevölkerung schienen sich viele Hoffnungen bestätigt zu haben, doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich immer noch grosse Widersprüche: Eine Gesellschaft geprägt von sozialen Gegensätzen und nationalen Spannungen, ein unabhängiger Staat aufgenommen in die EU und NATO, aber konfrontiert mit Nationalismus, Armut, hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität und nüchterne Skepsis. Viele Menschen sind stark von der Kürzung der Sozialleistungen betroffen, sie bekommen weniger Arbeitslosenunterstützung und müssen die Arztbesuche selbst bezahlen.

Kaum zu glauben wie unterschiedlich man in so einem kleinen Land leben kann: In Bratislava als Boomstadt der ersten Welt, oder in Roma-Siedlungen wie Svinia oder Lefantovce, wo man sich wie in der dritten Welt fühlt. 74 Prozent der Bewohner wünschen sich von der Regierung Fico die Abschaffung dieser Unterschiede und mehr Gleichberechtigung.

Mein Land ist tief geteilt und wartet auf einen Dialog zwischen den Regionen mit ihren radikal unterschiedlichen Erfahrungen und Wertvorstellungen. Robert Fico hat den reformmüden Slowaken sehr viel versprochen: Abkehr vom Kurs der Wirtschaftsreformen, Stopp der Armut, soziale Solidarität, strenge Finanzdisziplin des Staates, Kontrolle der Profite der multinationalen Monopole, Änderung des Wahlsystems und der Abzug der slowakischen Soldaten aus dem Irak.

Wie alle diese Ziele erreicht werden sollen, weiss kaum jemand. In ihrem ersten Monat hat die Regierung Fico etwas ganz anderes bewirkt: Den tiefen Fall der slowakischen Währung, negative ausländische Reaktionen auf die Teilnahme der rechtsextremen Nationalpartei an der Koalition, Angst der Investoren, Gefährdung des Wirtschaftsaufschwunges und zuletzt die Empörung der ungarischen Regierung über Äusserungen des Führers der Nationalpartei, Jan Slota, dass er die Tschechen beneide, weil sie mit den Deutschen, die sie vertrieben, heute keine ähnlichen Probleme haben wie die Slowaken mit der ungarischen Minderheit.

Dennoch halten laut einer aktuellen Umfrage die Slowaken Fico weiterhin für den glaubwürdigsten Politiker. Ihm folgt Slota, dem so viele fremdenfeindliche Äusserungen sowie Alkoholexzesse vorgeworfen werden.

Meine Landsleute sind unzufrieden, denn sie wissen im Moment nicht so richtig, wo ihre eigene neue Identität in der Europäischen Union liegt. Fico war als einfacher Gedanke vorhanden, mit dem sich die Menschen sehr leicht identifizieren konnte. Patriotismus wird mit Nationalismus verwechselt - ein altes, neues Phänomen. Politiker wie Jan Slota schüren in ihren Reden die latent vorhandenen Ressentiments gegenüber Ungarn und brechen bewusst Tabus.

Am 1. August 2006 hat die Koalition ihr Regierungsprogramm im Slowakischen Parlament vorgestellt. Die Abgeordneten haben der Regierung das Vertrauen ausgesprochen. Jetzt muss ich hundert Tagen warten, um erste Ergebnisse zu beurteilen. Doch dass die Slowaken zufriedener werden, daran zweifle ich schon heute.

Tages-Anzeiger, 3. August 2006

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